Tierwelt - Nr. 15 - 7. April 2006

Der Kaptölpel (Morus capensis), eine verwundbare Art.

Einleitung

Der Blick ist durch den aufkommenden Nebel, der durch das Kondensieren der warmen Luftmasse über dem kalten Südatlantik entstanden ist, getrübt. In der Ferne vermischt sich das Grollen des Meeres mit eigenartigen Geräuschen, und es liegt ein beissender Duft in der Luft. Die immer intensiver werdende Duft- und Klangspur führt den Besucher auf einen seit 1954 bestehenden schmalen Pfad, der die rund drei Hektaren grosse Insel Bird Island mit dem Festland verbindet. Diese Insel ist dem Ort Lambert’s Bay vorgelagert. Sie befindet sich etwa 160 Kilometer nördlich von Kapstadt an der Atlantikküste.
Durch den Nebel werden schemenhaft die Silhouetten von lärmenden, stattlichen Kaptölpeln (Morus capensis) sichtbar. In unmittelbarer Entfernung kann der Betrachter dann die Grösse der Brutkolonie erkennen. Der Boden ist weitflächig mit Tölpeln übersät, die sich dicht an dicht aneinander drängen. Laut Schätzungen sollen es mehr als 24 000 Tiere sein. Die einzelnen Vögel fallen durch ihre azurblauen Augenringe, durch den spitzen, langen Schnabel sowie durch die schnittigen Flügel auf.

Biologie

Das Vorkommen der Kaptölpel beschränkt sich auf das südliche Afrika. Nur sechs Inseln werden von diesen Meeresvögeln besiedelt. Drei Inseln zählen zu Südafrika, nämlich Bird Island (Lambert’s Bay), Malgas Island (Saldana Bay) sowie Bird Island (Port Elizabeth), und drei Inseln – Mercury, Ichaboe, Possession – gehören zu Namibia.
Wie bei anderen Unterarten der Tölpelfamilie leben Weibchen und Männchen in monogamer Gemeinschaft. Der Brutzyklus beginnt, wenn die Jungtiere nach drei Jahren zur Brutkolonie zurückkehren. Die Männchen bilden kleine Territorien. Sie beeindrucken die Weibchen mit lautem Rufen und Nicken. Kommt es zur Paarbildung, wird in der Regel nur ein Ei gelegt. Beide Elternteile besorgen das Brutgeschäft. Das Ei wird vom so genannten Altvogel bebrütet, der dabei seine Flossenfüsse um das Ei spannt. Nach einer Brutdauer von sieben Wochen schlüpft das schwarze, nackte und noch blinde Küken. In seltenen Fällen werden zwei Eier gelegt, dabei wird jedoch das jüngere Küken vom älteren verdrängt. Der Futterbedarf des Kükens ist enorm. Anfänglich wiegt das Küken nur 70 Gramm, aber nach drei Wochen hat es bereits etwa 800 Gramm erreicht, was einem Drittel des Adultgewichtes entspricht.
Nach durchschnittlich 105 Tagen ist das Küken flügge. Um die Flugmuskulatur zu stärken, begeben sich die Jungtiere oft an den Rand der Kolonie, wo sie etwas mehr Platz haben, und flattern heftig mit den Flügeln. Später kehren sie wieder zu ihrem Nest zurück, um gefüttert zu werden. Schwingen sich die Jungtiere in die Lüfte, haben sie genug Fettreserven gesammelt, um ohne Futter etwa zehn Tage zu überleben. Sobald sie die Fischtechnik erfolgreich erlernt haben, ziehen sie weiter nordwärts, wo sich ihnen im Golf von Guinea reiche Fischgründen bieten.

Nahrungssuche

Die Altvögel suchen die Nahrung auf hoher See in einem Umkreis von rund 100 Kilometern. Besonders spektakulär ist ihre Jagdtechnik. Die Kaptölpel fliegen in einer Höhe von 10 bis 30 Metern. Erspähen sie eine Beute (Sardinen, Makrelen oder Sardellenschwärmen), stoppen sie ihren Flug jäh, falten ihre Flügel und stürzen mit hoher Geschwindigkeit auf das Futter zu. Im Bruchteil einer Sekunde vor dem Eintauchen klappen sie ihre Flügel zurück und tauchen wie stromlinienförmige Pfeile ins Wasser ein. Dabei erreichen sie Tauchtiefen von über fünf Metern.
Mit Fisch beladen kehren die Adultvögel zur Brutkolonie zurück. Das Auffinden des Partners respektive des Nestlings gestaltet sich als ziemlich schwierig. Es müssen gegen den Wind mehrere Kreise über der dicht gedrängten Kolonie geflogen werden. Das gegenseitige Erkennen erfolgt akustisch über ein lautes, indifferentes Gekrächze. Ist der vermeintliche Brutplatz aufgefunden worden, wird der Flug mit ausgespreizten Flossenfüssen und aufgerichteten Schwanzfedern abgebremst. Über dem Brutplatz reist der Wind an den schnittigen Flügeln ab, und der Tölpel fällt förmlich vom Himmel.
Landet er nicht genau an der Brutstelle, wird er von den anderen Vögeln mit heftigen Schnabelhieben aus der Kolonie herauskatapultiert. Nun muss er – höchst unfreiwillig – ein freies Stück Land, sprich eine Startpiste, aufsuchen und auf einen konstant blasenden Gegenwind warten. Ist es endlich so weit, sprintet der Tölpel mit ausgebreiteten und leicht flatternden Flügeln auf das Ende der Startbahn zu. Im Idealfall gelingt es ihm, abzuheben und über der Brutstelle einen „kontrollierten Absturz“ vorzunehmen. Ändert sich jedoch während des Starts die Windrichtung, führt dies zu unschönen Startabbrüchen, bei denen die Tölpel oft heftig auf dem Boden oder auf einem kleinen Felsen aufprallen.

Bedrohung

Gemäss der Naturschutzdachorganisation „BirdLife International“ hat der Kaptölpel (Morus capensis) den Status „verwundbar“ erhalten. Folgende Gründe dürften dafür verantwortlich sein:
° Von 1888 bis 1990 wurde so genannter Guano, ein aus Vogelexkrementen bestehender stickstoffhaltiger Dünger, abgebaut. Das Wegkratzen des Guanos führte zu einer Absenkung des Terrains. Diese hatte zur Folge, dass der Brutplatz bei starken Regenfällen überflutet wurde und die Mortalität von Eiern und Küken stieg. Deshalb war der Abbau von Guano später nur noch nach der Brutsaison der Tölpel gestattet.
° Heute setzt den Kaptölpeln sowohl die Fischerei als auch die Verschmutzung der Meere zu. Der Kollaps der Sardinenfischerei in namibischen Gewässern ist einer der Hauptgründe für den Rückgang der ansässigen Populationen.
° Die Ölverschmutzung stellt ebenfalls eine ernsthafte Bedrohung dar. Das Öl verklebt das Gefieder und gelangt dadurch, dass die Tiere verzweifelt versuchen, ihr Gefieder zu reinigen, in deren Magen. Die Folge davon sind Vergiftungen, die oft mit einem Erfrieren und Verhungern der Vögel einhergehen.
Von den lokalen Naturschutzorganisationen werden folgende Massnahmen zum Schutz der Tölpel vorgeschlagen:
° Der Fischgang soll nachhaltig und koordiniert betrieben werden.
° Der illegale Ölwechsel und das Reinigen von Schifftanks auf hoher See sollen unterbunden werden.




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Die Albatrosse
Felsenpinguin